Blutberg von Ævar Örn Jósepsson

Zu den bis auf höchste politische Ebene stark kritisierten Großprojekten Europas gehört das Kárahnjúkar-Kraftwerk im Osten Islands. Um in naher Zukunft ein US-amerikanisches Aluminium-Werk am Laufen halten zu können, wird das Wasser zweier Flüsse aufgestaut und gleichzeitig eine ökologisch einmalige Region überflutet.

Da es schon während der ersten Bauphase zu großen nationalen wie internationalen Protestaktionen kam, werden nach einem tragischen Unfall rasch kritische Stimmen laut. Durch den Abbruch eines Felsüberhangs finden eines Morgens gleich sieben Männer den Tod. Der einzige Überlebende berichtet von einem explosionsartigem Geräusch, das dem Bergsturz voraus ging. Um den Vorfall als geologisch bedingten Unfall oder terroristisch orientierten Anschlag einordnen zu können, erhält Kommissar Árni aus Reykjavik den Auftrag ins östliche Hochland zu reisen.

Gemeinsam mit seinem Team und seinen Kollegen aus Egilstadir stößt er rasch auf eine Reihe von Indizien, die auf Drogenhandel und Prostitution im Arbeitercamp hinweisen. Eine völlig andere Richtung nimmt die Ermittlung jedoch mit Bekanntwerden eines Drohbriefes der sogenannten „Grünen Armee“. Diese Gruppierung verlangt zu Gunsten des Naturschutzes vehement den sofortigen Stopp der ökologisch nicht tragbaren Bauarbeiten. Als die Ermittlungen nach kurzer Zeit zusätzlich noch durch die Sprengung einer Brücke erschüttert werden, scheinen auch die letzten Beteiligten von einer Anschlagsserie überzeugt.

Der Reiz dieses Island-Krimis liegt durchgängig in seiner enormen Realitätsnähe. So beruhen die Rahmenbedingungen dieses Falles auf wirtschaftspolitischen Tatsachen, die diesem Fall einen sehr eigenen Charakter verleihen. Durch die dialogreichen Ermittlungen, die sich bis auf die letzten Seiten des Buches erstrecken, übt der isländische Autor Ævar Örn Jósepsson zudem eine gesunde Portion interner Gesellschaftskritik.

Möglicherweise selbst für Freunde der isländischen bzw. skandinavischen Literatur gewöhnungsbedürftig dürfte allerdings die Fülle unaussprechlichen Namen unzähliger Beteiligter sein, die leider nicht durch ein Namensregister gestützt werden. Wer jedoch mit voller Konzentration in das Geschehen eintaucht, wird einen spannenden Krimi mit vielen unerwarteten Wendungen genießen können.

Nach Dunkle Seelen ist mit Blutberg nun der zweite Kriminalroman aus der Feder Jósepssons in deutscher Sprache erschienen. Der studierte Journalist war im Jahr 2004 für den Preis der „Crime Writer´s of Scandinavia“ nominiert; er lebt mit seiner Familie bei Islands Hauptstadt Reykjavik.

Ævar Örn Jósepsson: Blutberg, aus dem Isländischen von Coletta Bürling, Taschenbuch, 496 Seiten, ISBN 344273858X, btb Verlag


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