Der gläserne Schrein von Petra Schier

Über viele Jahrhunderte hinweg wurde der heilige Dom des Bistums Aachen ausgebaut und in seiner Grundstruktur immer wieder verändert. Mit dem Ausbau der gotischen Chorhalle und seinen über 1.000 Quadratmetern Glasfläche soll dieser Gebäudeteil einen gläsernen Reliquienschrein für die Aachen Heiligtümer symbolisieren.

Vor dem Hintergrund genau dieser Dombautätigkeiten spielt der neue historische Roman von Petra Schier. Im zweiten Teil der Triologie um die Reliquienhändlerin Marysa Markwardt wird der Leser nach „Die Stadt der Heiligen“ erneut in das historische Aachen entführt.

„Der gläserne Schrein“ stellt sich für den Goldschmied Bardorf Goldschläger leider als äußerst problematisch heraus. Beim Einsturz seines Arbeitsgerüstes kommt einer seiner Lehrlinge ums Leben, er selbst wird verletzt und damit als arbeitsunfähig von der Dombaustelle abgezogen. Um die Bauarbeiten vor der Heiligsprechung nicht zu gefährden, erhält sein Konkurrent zeitweilig den Auftrag die Goldarbeiten im gläsernen Schrein zu Ende zu führen.

Zeitgleich hält Goldschlägers Schwiegertochter Marysa den Handel mit Reliquien aufrecht, da sie als Witwe noch bis zu zwei Jahre nach dem Tod ihres Mannes das Handwerk weiter führen darf. Doch seitens Stadt, Kirche und Familie wird sie darauf gedrängt, rasch wieder zu heiraten, um die Werkstatt einem neuen Meister übergeben zu können. Auch der Dominikanermönch Christopherus reist erneut nach Aachen, da er zur Fertigstellung der Chorhalle hohe Besucherzahlen und damit hohe Einkünfte aus seinen Ablassbriefen erwartet.

Nach und nach verbinden sich die Erzählstränge der unterschiedlichsten Hauptcharaktere zu einem Knäuel von Beziehungsgeflechten und Intrigen. Der Arbeitsunfall im Dom zeigt weitreichende Folgen, wie auch das erneute Zusammentreffen der kritischen Marysa und des bedachten Mönches.

Auch wenn die emanzipierte Marysa wohl kaum dem realen Frauenbild des 15. Jahrhunderts entspricht und manche Intrigen hier und da ein wenig zu konstruiert wirken, lockt dieser historische Roman durch gleich mehrere Spannungsbögen und eine realitätsgetreue Atmosphäre. Die heimlichen Machenschaften der katholischen Kirche und die individuellen Charaktere der Hauptpersonen sind feiner und doch deutlicher als im ersten Buch um Marysa Markwardt heraus gearbeitet worden. Noch mit den Dialogen aus den weitläufigen Hallen des Doms im Ohr, freue ich mich bereits jetzt auf den dritten Teil dieser einmaligen Aachen-Triologie.

Petra Schier: Der gläserne Schrein, Taschenbuch, 336 Seiten, ISBN 978-3499248610, April 2010, Rowohlt Verlag.

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