Hörbuch-Rezension: Herr Lehmann von Sven Regener

Aufgrund des Überraschungserfolges von Sven Regeners Herr Lehmann kennt fast jeder unterhaltungsliterarisch Interessierte den jungen Mann, der mit vollen Namen Frank Lehmann heißt und in Berlin wohnt. Und fast alle, die an diesem Genre, also an schnoddrigen Erzählungen von jungen Menschen im Berlin der 80er Jahre, Gefallen finden, werden entweder den Film gesehen oder das Buch gelesen haben. Mittlerweile kann man die Trilogie auch als Hörbuch und den „ersten Teil“ sogar als Hörspiel genießen. Die Benennung der Reihenfolge steht bewusst zwischen Anführungszeichen, da die Geschichten um Herrn Lehmann in einer anderen Reihenfolge erschienen sind, als Herr Lehmann sie erlebt hat.

Möchte man das Leben Frank Lehmanns chronologisch verfolgen, sollte mit Neue Vahr Süd begonnen werden. Die Neue Vahr Süd befindet sich in Bremen, wo Herr Lehmann aufgewachsen ist, eine Ausbildung absolviert hat und zum Wehrdienst eingezogen wurde. Im Anschluss an diese aufregende Zeit zwischen WG-Leben am Wochenende und Kasernenhof an den restlichen fünf Tagen verschlägt es Frank nach Berlin um seinen großen Bruder zu suchen. So heißt auch das Buch, das als dritter Band erschienen ist, aber eben den zweiten Teil darstellt: „Großer Bruder“. Sven Regener hat allerdings mit Herr Lehmann die Geschichte begonnen, die chronologisch die Trilogie abschließt. Die Reihenfolge, in der man die Erlebnisse des Frank Lehmanns genießt ist allerdings nicht wichtig. Man wird in jedem Fall sein Vergnügen daran haben.

Sven Regener selbst ist nicht nur Schriftsteller, sondern schon viel länger mit seiner Band „Element of Crime“ erfolgreich. Er wuchs in Bremen in der Neuen Vahr auf und lebt seit vielen Jahren in Berlin. Das sind allerdings wohl die einzigen großen Parallelen in den Leben der Herren Regener und Lehmann. Die Romane sind ansonsten keinesfalls als autobiographisch zu bewerten.

Aber nun endlich zum Hörbuch selbst. Frank Lehmann lebt und arbeitet in Berlin-Kreuzberg. Er schenkt in der Kneipe „Einfall“ diverse Biere aus und erfüllt damit gleich zwei typische Klischees diesen Typs jungen Mann, der von Bremen nach Berlin zieht. Frank Lehmann ist in jenem Jahr 1989, in dem die Geschichte spielt, 29 Jahre alt. Damit steht zum einen er vor der magischen 30 und der Frage, ob und wann er endgültig erwachsen wird, sich vielleicht einen „anständigen“ Beruf sucht und keine Angst mehr vor den Besuchen seiner Eltern hat. Zum anderen steht Berlin und ganz Deutschland am Ende des Buches vor der großen Veränderung, die der Fall der Mauer mit sich bringt. Mit dem Jahr 1990, dem Ende der 80er Jahre und des eisernen Vorhangs wird sich die Welt in Berlin stark verändern. Herr Lehmann ist allerdings keineswegs ein politischer Roman. Der Fokus liegt durchgehend auf Frank, der sich nicht übermäßig für Politik zu interessieren scheint.

Herr Lehmanns kleine Kreuzberger Welt beschränkt sich im Wesentlichen auf seine Freunde und Bekannten. Karl ist sein bester Freund. Er bedient in der „Markthalle“ in der Katrin kocht. In diese wiederum verliebt sich Herr Lehmann. Katrin hat das Kochen sogar als richtigen Beruf erlernt. Die übrigen Protagonisten stellen eher das klischeehafte Kreuzberger Kneipen-Milieu dar, die noch auf der Suche nach der großen Aufgabe sind. Ein Wirt mehrerer Berliner Kneipen möchte dankenswerterweise unter allen Umständen vermeiden, dass in seinen Bierlokalen Drogen konsumiert werden. Ein auffällig unauffälliger Gast könnte ein Zivilpolizist sein …

Diese Welt wirkt doch sehr gemütlich. Die Nächte sind bekanntermaßen lang in diesem Teil der Republik, die Tage verbringt Herr Lehmann mit Ausnüchtern, Schwimmbadbesuchen um Katrin zu beeindrucken und anstrengenden Telefonaten mit seiner Mutter. So gemütlich wie Frank ist auch der Roman selbst. Dabei ist er jedoch nie langweilig. Dafür ist Frank Lehmann dann doch zu intelligent und sympathisch. Er ist unaufgeregt – solange er nicht von Frühstückern daran gehindert wird einen Platz in der Markthalle und einen Schweinebraten zu bekommen – und manchmal auf eine ganz wunderbare Weise tiefsinnig. Es passiert somit nichts aufregenderes als eben einem Frank Lehmann in seiner kleinen Kiez-Welt zustößt. Aber auch das ist ein positiver Aspekt der Geschichte. Es wurde nichts mit Gewalt verkompliziert und dramatisiert.

Das Hörbuch passt deshalb auch so phantastisch zum Roman. Sven Regener liest selbst. Es geht nicht immer gut, wenn ein Autor seine Texte liest, da nicht alle verständlich und angenehm lesen können, auch wenn man natürlich davon ausgehen kann, dass ein Autor seine Texte am besten interpretiert, was ja bei einem Hörbuch nicht unwichtig ist. Verständlich liest Sven Regener allerdings nicht immer. Er liest oft schnell und auch mal vernuschelt. Aber auch hier haben wir wieder einen Punkt, der nach Kritik klingt und ein Lob ist. Tatsächlich gibt gerade die unsaubere Art des Vortrags Regeners dem Hörbuch den Klang, den man haben möchte, wenn man sich ´Herrn Lehmann vorstellt. Es ist ja nicht so, dass man wichtige Wörter nicht versteht oder ob der Schnelligkeit der Handlung nicht folgen kann. Ich kann mir jedenfalls keinen geeigneteren Sprecher für dieses Hörbuch vorstellen, außer vielleicht noch Christian Ulmen, der in der Verfilmung des Romans Herrn Lehmann spielte. Eine perfekte Besetzung übrigens.

Und deshalb fügt sich dieses Hörbuch problemlos in das Dreigestirn Buch – Film – Lesung. Der Roman selbst ist großartig unterhaltsam, der Film war eine klasse Umsetzung und das Hörbuch steht beiden in Nichts nach. Die Stimmlage Regeners passt zudem zu der Ulmens, was den geistigen Sprung von Film zum Hörbuch recht einfach macht, für all jene, die beides kennen.

Das Hörbuch gibt es übrigens in gekürzter und ungekürzter Fassung. Bei der gekürzten Version die mit 4 Stunden und 31 Minuten glücklicherweise nicht wirklich kurz ist, fehlen sechs Kapitel zu der fast genau sechs Stunden langen. Roofmusic bietet dankenswerterweise die fehlenden Kapitel kostenlos zum download an. Somit können auch die Besitzer der kürzeren Lesung in den umfassenden Genuss’ dieses wunderbaren Hörbuchs kommen.

Mein Fazit: Uneingeschränkt 5 Punkte, da sowohl die Geschichte als auch die Umsetzung für das Hörbuch keine Wünsche offen lässt.

Unser Partner Audible führt dieses Hörbuch für 17,95 Euro, in der gekürzten Fassung, Laufzeit: 4 Stunden, 31 Minuten

Hörprobe:

Lehmann


Infos:

Titel: Herr Lehmann
Autor: Sven Regener
Sprecher: Sven Regener
Verlag: Roof Music (2002; 2008)
Umfang: 4 CDs, gekürzte Lesung; 5 CDs ungekürzte Lesung
Laufzeit: 4 Stunden, 31 Minuten; 5 Stunden, 59 Minuten
ISBN: 978-3933686879; 978-3938781838

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