Interview: Norbert Kron
Dez 18th, 2008 | By Roland Schmidt | Category: kunst
Norbert Kron, 1965 in München geboren, studierte dort Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft. Er veröffentlichte zwei Romane, Autopilot (2002) und Der Begleiter (2008). Des Weiteren wirkt Kron als Print und TV-Journalist. Heute lebt er in Berlin. Uns stand Norbert Kron Rede und Antwort.
Herr Kron, ist es Zufall, dass die Protagonisten in „Autopilot“ (Michael Lindberg ist impotent) wie auch in „Der Begleiter“ (Liss Vonhofen hat einen Gehirntumor) ihre Motivgründe bzw. der Motor für ihr Handeln aus dem Faktum ihrer Krankheit ziehen?
Natürlich kein Zufall… Alle Literatur und Kunst speist sich ja von Alters her motivisch aus Krankheit, Tod oder Mord – weil aus ihrer Perspektive erst das „normale“ Leben sichtbar wird, die Grundbedingungen der Existenz liegen erst dann auf der Waagschale. Darum ging es auch in den beiden Romanen für mich: einmal einen Homo Faber des Medienzeitalters zu zeigen, dessen eingespieltes Leben durch den medizinischen Befund erschüttert und hinterfragt wird, zum anderen unsere Liebesverhältnisse im Kapitalismus zu beleuchten, bei denen der Unterschied zwischen der Ware Liebe und der wahren Liebe auch erst in der Extremsituation sichtbar wird. Übrigens: Der Held in „Autopilot“ ist nicht impotent. Sondern zeugungsunfähig. Nach seinem Karriereende als Fernsehproduzent könnte er also durchaus als „Begleiter“ arbeiten…
Zwischen ihrem ersten und zweiten Roman liegen sechs Jahre. Haben Sie nach der anstrengenden Arbeit am ersten Roman Abwechslung gesucht?
Ich hatte mit einem anderen Roman begonnen, der dick, ernst und bedeutend werden sollte. Er zerwuchterte mir unter den Händen, bis ich ihn schließlich nach einigen Jahren aufgeben musste. Abhilfe von dieser Anstrengung sollte ein kleiner abwechslungsreicher Roman schaffen, der sich dann auch wieder zu einem richtigen 270-Seiter auswuchs. So vergingen weitere drei Jahre, bis der „Begleiter“ als mein zweiter zweiter Roman fertig war. Vielleicht versuche ich jetzt als dritten Roman noch einmal den ersten zweiten weiterzuschreiben…
Am 27.8. startete die von Ihnen gegründete Künstlerbegleitagentur „ART ESCORT“. Reifte die Idee zu diesem neuen Geschäftsmodell eines Escort-Service während den Arbeiten zu „Der Begleiter“?
Weniger während der Arbeit als danach. Immer wieder sagten Künstlerfreunde, die das Buch in die Hand bekamen – so einen Job fänden sie ja auch mal sehr reizvoll… Und sei man als Künstler ja nicht sowieso in unserer Gesellschaft ein Callboy? Ich hatte dann die Idee zu einem Kunstprojekt namens „ART ESCORT“. Und die Presse, die sich auf das Ganze seither regelrecht stürzt (u.a. arte, SZ, WDR, taz etc.), machte es zu einem echten Künstlerdienstleistungsunternehmen. Sie sind dort ebenfalls buchbar, und bieten Kunden „Ihre persönliche BerlinPolariodStory“. Warum haben Sie sich für eben jenes, vom Blickwinkel der Produktion aus betrachtet, schon „ausgestorbenes“ Material entschieden, und greifen nicht einfach zur Digitalkamera?
Ich habe die Faszination von Polaroids vor zwei Jahren wieder entdeckt, als ich als Journalist auf der Berlinale Prominente interviewte. Ich wollte Souvenirfotos von Isabella Rossellini oder Ewan McGregor haben, aber hatte plötzlich das Gefühl, dass diese inmitten des Blitzlichtgewitters völlig austauschbar und wertlos seien, wenn ich normale Digitalfotos machen würde. Nicht dagegen Polaroids – die absolut authentisch und einmalig sind.
Ich begann dann zu den Promintenpolaroids meiner Interviews kurze Stories über die Begegnung zu schreiben und nannte das FotoStoryprojekt „Off The Records“. Helmut Schmidt, Penelope Cruz oder Hans Meyer bekamen u.a. je solch eine PolaroidStory. Als ich mir überlegte, was ich selbst bei „ART ESCORT“ anbieten wollte, schien mir solch eine PolaroidStory von der Begegnung mit den Kunden genau das richtige: das absolut einmalige Souvenir eines gemeinsamen Kunstescorts, das literarische Unikat einer Begegnung und selbst ein kleines Kunstwerk.
Für wie wichtig schätzen Sie das Internet im Allgemeinen und das sog. Web 2.0 im Speziellen für die Vermarktung von Büchern ein?
Das Internet ist absolut unersetzlich geworden, keine Frage. Und erst seit dem 2.0-Status ist es eigentlich wirklich zum richtigen Inter-Net geworden. Bücher als klassische 1.0-Medien profitieren davon auch sehr – denn es ist wahnsinnig reizvoll, wie nicht nur der mündliche Diskurs oder die geschriebene Sekundärliteratur, sondern eben auch das virtuelle Wort um einen feststehenden Text, um das Enigma des Literarischen, Kreise zieht und immer neue Texte generiert. Natürlich hilft das auch der „Vermarktung“, aber das ist für mich eher ein Folgeeffekt: entscheidender ist der inhaltliche Diskurs. Halten Sie das Format, wie es viele Autoren ohne Verlag heutzutage tun, Romane teilweise oder auch ganz in einem Internetblog zu veröffentlichen, für sinnvoll?
Das kann auf alle Fälle sinnvoll sein – für jeden Autor, der völlig frei von den Spielregeln des Literaturbetriebs veröffentlichen will und/oder neue Formen des Literarischen erforschen will. Man kann hier viel weiter gehen, vielleicht auch zu mehreren, dialogisch, einen Text vorantreiben.
Andererseits ist es auch gut, dass es die klassischen gedruckten Bücher gibt, weil letztendlich nur sie einen in den offiziellen Medien ausgetragenen Zeitdiskurs auslösen können. Schon da gibt es ja viel zu viele, als dass nicht zahllose unbeachtet „unten durch“ fielen. Es wird also wohl ein bisschen das Tragische bleiben, dass die Internetliteratur keinen Eingang in diese offizielle Medienwahrnehmung finden wird. Was man aber als riesige Chance sehen kann: als eben jenen absoluten Freiraum, literarisch frei Schnauze publizieren zu können.
„Autopilot“ erschien im Hanser Verlag, „Der Begleiter“ bei dtv, wo „Autopilot“ 2004 nochmals aufgelegt wurde. Warum dieser Wechsel?
Das hing, siehe oben, mit dem abgebrochenen ersten zweiten Roman zusammen. Der wäre eindeutig ein Hanser-Roman geworden, von der ganzen Anlage und Sprache her. Als ich dann den „Begleiter“ begann, hatte ich von vornherein ein anderes Genre im Auge: etwas Leichteres, rein Erzählerisches – etwas im Grenzbereich zwischen hoher und unterhaltender Literatur. Hanser schien auch für das Thema von vornherein nicht der Roman, wo das reinpasst – deshalb dtv, wo mein erster Roman ja als Taschenbuch erschien. Im nachhinein scheint mir, der „Begleiter“ wäre aber auch ein guter Hanser-Roman gewesen. Was wird man in Zukunft von Ihnen hören? Planen Sie ein neues Buch?
Im Moment ist mir noch nach etwas Abwechslung… aber der dritte Roman folgt garantiert, egal ob dieser dann der erste zweite oder der vierte dritte wird. Und er wird nicht wieder sechs Jahre dauern.
Empfehlen Sie uns zwei Bücher und verraten Sie uns, ob Sie ein literarisches Vorbild besitzen.
Mein klassischer Lieblingsroman: Flaubert, „Education sentimentale“. Klasse aus jüngerer Zeit: Philip Roth, „Das sterbende Tier“. Oder, sehr groß, dazwischen: Anna Seghers, „Transit“. Alle drei Giganten können natürlich literarisch als Vorbilder dienen – wie so viele andere.
Können Sie den engagierten Autoren unter unseren Lesern, die vielleicht gerade am Erstlingswerk arbeiten, einen Rat mit auf den Weg geben?
„Writing means re-writing“, soll Billy Wilder gesagt haben: also immer wieder Überarbeiten des Geschriebenen. Bei mir hat es mit dem Schreiben erst wirklich hingehauen, als ich den Mut hatte, es zur Nr. 1 in meinem Leben zu erklären. Ich habe fünfzehn Jahre lang geschrieben, bis endlich ein erster Roman von mir erschien. Die ersten zehn Jahre davon habe ich so stark daran gezweifelt, dass das Schreiben immer wieder durch andere Dinge (Studium, Journalismus) in den Hintergrund gedrängt wurde. Dann habe ich mir gesagt, ok, willst du es oder willst du es nicht (ernsthaft versuchen)? – ich gebe mir jetzt nochmal vier Jahre und maximal zwei weitere Romananläufe, und in dieser Zeit versuche ich es richtig und konsequent. Wenn es nichts wird, lasse ich es bleiben – aber bis dahin setze ich meinen Arsch jeden Morgen um zehn an den Schreibtisch und schreibe drei bis sechs Stunden am Tag (Sonntag war frei).
Natürlich musste ich weiter mein Leben durch Fernsehbeiträge finanzieren und konnte dann gar nicht schreiben, aber ich habe mir gezielt Schreibinseln geschaffen von zwei, drei Wochen. Nur so ging es bei mir. Und auch dann musste ich hundertmal die Erfahrung machen, dass der Text schlecht ist und ich weiter dran arbeiten muss – ein Prozess, bei dem man zigmal durch die tiefsten Täler der Kraftlosigkeit und Verzweiflung geht, wobei ich einigen Freunden, die das Zeug lesen mussten, beharrlich zur Last gefallen bin.
Auch ohne ihre Hilfe hätte es nicht geklappt. Aber auf diese Weise habe ich den Text drei Jahre lang bis zu der Fassung bearbeitet, von der ich glaubte, dass ich sie nicht mehr besser machen könne. Das war zum Glück gut genug, damit sich ein Verlag aller weiteren Dinge annahm.
Wir danken für das Gespräch.
