Lappalie von Kirsten Marohn

Mrz 25th, 2009 | By Roland Schmidt | Category: aktuell, rezensionen


 

Jasmin Bolger, von ihren Freunden „Jazz“ genannt, könnte glücklich sein. Sie ist mit einem Schriftsteller verheiratet, hat einen Job, und gute Freunde. Ihr Leben scheint in geordneten Bahnen dahin zulaufen, just die glückliche Zeit genießend. So könnte es sein. Wäre da nicht dieser „Vorfall“, der Jasmin seit zwölf Jahren wie eine Zentnerlast auf ihren Schultern, und auf ihrem Herzen liegt.

Silvester 1992, Jasmin war frisch verheiratet mit ihrem Henrik, und dachte sich noch nichts bei den koketten Blicken, die ihr von ihrem Schwager Sven zugeworfen wurden. Genauso wenig dachte sie sich etwas bei den wie zufällig scheinenden Berührungen ihres Schwiegervaters. Wenig später, der Alkohol floss, stehen beide in der Küche. Plötzlich hört Jasmin wie ihr Schwiegervater, Dr. Richard Bolger, seine Gürtelschnalle lockert. Bevor sie begreift was hier geschieht, kann sie sich nicht mehr wehren. In jener Silvesternacht 1992, während ihr frisch Angetrauter auf dem Balkon steht, wird Jasmin von ihrem Schwiegervater vergewaltigt.

Doch dieser Abschnitt der Geschichte nimmt nur den kleinsten Teil ein. Die Autorin Kirsten Marohn widmet sich in Lappalie der Verarbeitung diesem Ereignis, welche erst zwölf Jahre später erfolgt. Die Ehe, und vor allem der körperliche Kontakt zu Henrik, werden für Jasmin immer unerträglicher. Sie will, nein sie muss aus diesem Kreis ausbrechen. Doch Henrik scheint ihr kein Gehör schenken zu wollen.

Lappalie ist ein lebensbejahendes Buch, ein Text, der zu Mut und Tapferkeit aufrütteln will. Und dabei doch einige Schwächen zeigt. Viele Stellen ziehen sich zu lange, Langeweile keimt auf. Nur ein Beispiel. Jasmin Bolger arbeitet in einem Supermarkt, füllt gerade Waren im Kühlbereich auf. Da tritt ihre Chefin und zugleich Freundin an sie heran, um endlich aus ihr herauszubekommen, was genau sie bedrückt. Sonst hätte sie kaum bei der letzten Feier Rotwein aus Kaffejumbotassen getrunken. Diese Szene ist sicherlich für das Verständnis der Figuren und der Protagonistin selbst sehr förderlich, doch muss sie sich nicht über zwanzig Seiten hinziehen.

Wer sich hiervon nicht abschrecken lässt, wird dennoch ein lesenswertes Buch in den Händen halten. Dies liegt vor allem daran, dass Marohn es versteht, die Figur der Jasmin Bolger glaubhaft zu machen, sie erscheint authentisch. Man glaubt ihr, dass die Geschehnisse jener Silvesternacht so schwer auf ihr lasten, dass sie es erst nach zwölf langen Jahren über das Herz bringt, ihr Schweigen zu brechen. Man fühlt mit ihr, will sie rütteln, sie anschreien mehr Mut zu zeigen. Die Fähigkeit, den Leser so zu ergreifen, zugleich bei so einem sensiblen Thema, das außerdem noch ein großes Tabu darstellt, lässt auf großes Talent schließen.

Einige Textstellen hätten gekürzt werden dürfen, ohne dass der Lesegenuss beschnitten worden wäre. Dennoch ist Lappalie ein lesenswertes Buch über ein Tabuthema unserer Gesellschaft, über Mut, und über die Kraft der Freundschaft.
 

Kirsten Marohn: Lappalie, Gebunden, 204 Seiten, 19.95 €, 2. Auflage September 2008, Books on Demand

 


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