Rezension: Nach Hause schwimmen von Rolf Lappert


Shortlist Titel Deutscher Buchpreis 2008

Wilbur ist klein, schmächtig, hat unglaubliche Angst vor Wasser und am den selben Geburtstag wie Bruce Willis. In Nach Hause schwimmen erzählt Autor Rolf Lappert seine Geschichte. Mit Glück ist Wilbur wahrlich nicht gesegnet. Seine Mutter stirbt nach der Geburt. Sie trug ihn nur sieben Monate und elf Tage in sich. Sein Vater ist zu überfordert mit der Situation und flüchtet aus dem Krankenhaus. Erst wird er von einem Jugendheim in Amerika aufgenommen, bis er von seinen Großeltern nach Irland geholt wird. Bei diesen bleibt er, bis seine Großmutter einem Unfall zum Opfer fällt, sein Großvater ist nicht in der Lage sich um ihn zu kümmern.

So wird er abermals, inzwischen schon in der Pubertät, in die Hände von Pflegeeltern gegeben. Nach dem Versuch deren Haus anzuzünden landet er in einem Besserungsheim für Jugendliche, und wird aus diesem nach wenigen Monaten von einer ehemaligen Lehrerin erlöst. Er geht auf die Suche nach seinem Vater, und entdeckt die Liebe für sich.

Der Roman wird abschnittsweise erzählt. Mal aus Wilburs Perspektive, mal aus der Sicht eines Erzählers, begleiten wir den schmächtigen Jungen auf seinem Lebensweg bis er zwanzig ist. Zu Beginn ist der Stil etwas gewöhnungsbedürftig. In einem Kapitel lesen wir etwas über Wilburs Kindheit, im nächsten etwas über seine Zeit in einer Psychiatrie. Den dortigen Aufenthalt hat er einem Selbstmordversuch zu verdanken. Die Geschichte dreht sich ganz um Wilbur, und streift dennoch teilweise weit ab, und erläutert die Biografie von Menschen, die Wilbur nahe standen. So ist man geneigt Nach Hause schwimmen als ein Sammelsurium vieler verschiedener, oft sehr detailiierter Geschichten, zu sehen, dessen thematischer Rahmen Wilbur ist.

Nichts will dem schmächtigen Jungen so richtig gelingen, oft ist er am Verzweifeln, und der Leser verzweifel mit. Dies zieht sich fast gänzlich durch das über 500 Seiten starke Werk, so dass es manchmal etwas eintönig wird, wenn sich eine neue Chance für Wilbur am Horizont auftut, doch man genau weiß, dass auch diese ungenutzt gelassen wird.

Nach Hause schwimmen trägt diesen Titel nicht umsonst. Zum einen begründet durch die abgrundtiefe Furcht Wilburs vor Wasser, lesen sich oft Metamorphosen auf diesem Thema aufbauend. Trotz der Gefahr, bei so häufiger Gefahr abnutzend zu erscheinen, greift Lappert immer wieder auf dieses Stilmittel zurück und schafft es so, die Zerrissenheit seiner Hauptfigur zwischen Todessehnsucht und Heimat eine Stimme zu geben.

Obwohl dieses Werk einige Kritikpunkte besitzt, so hat es dennoch ebenso viel Lobenswertes in sich. Was ist Heimat? Wie sieht Heimat aus wen wir in jungen Jahren unseren Lebensort wechseln? Ist Heimat überhaupt ortsbezogen? Diesen und vielen anderen Themen, die Heimat tangierend, widmet sich Rolf Lappert.

Manches oft wiederholend, doch in einer Qualität, die diesen Umstand schnell vergessen lässt, und zu verstehen gibt, wieso Nach Hause schwimmen Shortlist Titel des Deutschen wie auch des Schweizer Buchpreises 2008 war bzw. ist. Letzterer wird nächsten Sonntag, 16. November, auf der BucH.08 in Basel verliehen.

Auf rolf-lappert.de finden sich eine Lese- respektive Hörprobe und ein Video-Interview mit dem Autor.


Bewertung:

Infos:
Titel: Nach Hause schwimmen
Autor: Rolf Lappert
Verlag: Hanser (September 2008 / hanser)
Umfang: Gebunden, 544 Seiten
ISBN: 978-3-446-20992-3
Preis: 21,50 Euro


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