Stabat Mater von Tiziano Scarpa

Feb 24th, 2010 | By Daniela Möhrke | Category: aktuell, rezensionen

Wie mag es wohl gewesen sein, im 18. Jahrhundert in einem Kloster zu leben und nie seine Mutter kennengelernt zu haben? Diesem Thema widmet sich der Autor Tiziano Scarpa ganz detailliert in seinem Buch Stabat Mater. Der Titel Stabat Mater stammt aus einem mittelalterlichen Gedicht. In diesem geht es um den Schmerz der Gottesmutter wegen ihres gekreuzigten Sohnes.

Um den Titel mit dem Inhalt in Bezug zu bringen, bedarf es aber schon einer gewissen Interpretationskunst und einer genauen Auseinandersetzung mit den Gefühlen und Taten der 15-jährigen Protagonistin Cecilia. Lange Zeit scheint es so, als beschäftige sich das Mädchen nur mit ihrem Inneren und ihren Gedanken über die eigene Herkunft. In langen Briefen an ihre Mutter und inneren Monologen bereist der Leser eine ganz eigene und besondere Gefühlswelt.

Hat man sich erstmal in den Stil des Buches eingelesen, entwickelt es einen richtigen Sog auf den Leser. Geprägt ist Stabat Mater durch viele kurze und extrem prägnante Absätze. Ein jeder trifft den Leser in seiner Gewalt der Bedeutsamkeit mitten ins Herz. Und auch die teils sehr düsteren Gedanken und extremen Ängste und Zweifel von Cecilia lernt man zu verstehen und kann sich immer mehr in sie hineinversetzen. Möglicherweise ist das Buch dem ein oder anderen Leser zu düster oder verworren. Es ist wirklich notwendig, sich intensiv darauf einzulassen.

Im Buch hadert Ceclilia immer mehr mit sich selbst und mit dem Sinn ihres Lebens. Oft spricht sie mit einem imaginären Schlangenhaupt, mit dem sie die abstrusesten Gedanken austauscht. Das mutet teilweise schon sehr skurril an. Fast bekommt man den Eindruck, als wäre das Mädchen einer Depression nahe. Sie kämpft darum, allein gelassen und unter den strikten Regeln des Klosters, zu sich selbst zu finden und ihr Leben lebenswert zu machen.

Schließlich bekommt die Musik eine immer größere Bedeutung für Cecilia. Sie ist ihr Anker in dieser oft tristen und recht einsamen kleinen Klosterwelt. Besonders als der Komponist Antinio Vivaldi ins Kloster kommt, macht Cecilia einen inneren und äußerlichen Wandel durch.

Tiziano Scarpa schreibt in Stabat Mater mit einer ungeheuren Kraft und viel Poesie. Obwohl die Thematik nicht einfach ist und der Leser ständig neue Ideen und Interpretationen entwickeln muss, überzeugt dieses Buch. Es ist ein zutiefst berührendes Werk, dem man nur viele Leser wünschen kann, die den Wert dieses einzigartigen Stils und dieser besonderen Geschichte zu schätzen wissen.

Tiziano Scarpa: Stabat Mater, aus dem Italienischen von Olaf Matthias Roth,  August 2009, 144 Seiten, gebundene Ausgabe mit Schutzumschlag, ISBN 978-3-8031-3225-3, Wagenbach Verlag

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